Zu Besuch an der Feudenheim-Realschule:

Paul Niedermann wird nicht müde

Paul Niedermann sprüht vor Erzähl-Freude. Obwohl kürzlich 78 Jahre alt geworden, wird der in Karlsruhe geborene Jude, der 1940 als Jugendlicher nach Gurs verschleppt wurde, nicht müde, den achten Klassen der Feudenheim-Realschule von seinen Erlebnissen während der Zeit des Nationalsozialismus zu berichten. "Wir sind die letzten Zeitzeugen, nach uns gibt es nur noch Bücher", meinte er am Montag, 30. Januar 2006,als ihn Rektor Stefan Köhler begrüßte.

Auf einer Tour durch Baden - vom Bauland über Mannheim bis Konstanz - machte der bei Paris Lebende auch Station in Feudenheim.

Erst seit dem Prozess gegen Klaus Barbie, den als "Schlächter von Lyon" bekannt gewordenen Gestapo-Chef der südostfranzösischen Stadt, bei dem er als Zeuge auftrat, kann Niedermann über das Erlebte reden. Und seither kommt er nach Mannheim und Baden und warnt die Jugend vor Rechtsradikalen - in Deutschland und anderswo.

Mehr als zwei Stunden fesselt er mit seinem Lebensbericht, die Schülerinnen und Schüler. Seine Geschichte beginnt mit der Kindheit, die Paul Niedermann in Karlsruhe verlebte, von wo er auch später von den Nationalsozialisten verschleppt wurde. Der ständigen Unterdrückung der Hitlerjugend ausgesetzt wurde er, wie viele jüdische Kinder in Deutschland, der Schule verwiesen. „Niedermann, raustreten, wer den deutsch Gruß nicht grüßen kann, hat auf einer deutschen Schule nicht zu suchen. Pack deine Sachen zusammen und verschwinde“, brüllte der in brauner Uniform gekleidete Klassenlehrer. In einer Ersatzschule, die die jüdische Gemeinde auf die Beine gestellt hatte, wurden die Schüler so gut es ging unterrichtet. Die Reichspogromnacht am 9. November 1938 war auch in Paul Niedermanns Leben ein weiterer schwerer Schlag.

Am 22. Oktober 1940 wurde er mit seiner Familie nach Gurs in den Süden Frankreichs nahe der spanischen Grenze deportiert. Die Massenvernichtung wurde erst 1941 auf der Wannsee-Konferenz beschlossen. Die Nazis brauchten aber eine Generalprobe für die Endlösung. Zu diesem Zweck wurden die Juden aus Baden, Pfalz und dem Saarland in der so genannten "Bürckel-Operation" (nach dem damaligen Gauleiter Bürckel in der Pfalz) gut geplant bei Nacht und Nebel deportiert. Die Familie Niedermann wurde mit anderen Juden des Nachts in Wagons gesperrt und fuhr Richtung Frankreich.

"Wir dachten, es geht nach Osten, doch nach einer halben Stunde konnten wir das metallische Geklapper der Rheinbrücke hören und wussten so, es geht nach Westen. Zumindest darüber haben wir uns gefreut", beschreibt Paul Niedermann die Fahrt.

Im Lager Gurs, das nur 250 Meter breit und zwei Kilometer lang war, lebten, als Familie Niedermann ankam, um die 65 000 Menschen. "Hier lebten mehr Menschen, als in der nächsten größeren Stadt" sinniert Paul Niedermann etwas nachdenklich.

Hunger, Krankheit und Ungeziefer rafften die Menschen nur so dahin. Eine der psychischen Probleme aus dieser Zeit, mit denen er immer noch zu kämpfen hat, ist das Hungergefühl. "Das kleinste Hungergefühl ist für mich sehr schlimm; ich kann es auch heute noch nicht ertragen", erinnert sich Niedermann. Im Lager sah er auch zum ersten Mal Tote, die hier von nun an zu jedem Tag im Lager gehörten.

"Am Morgen mussten wir die Leichen an der Baracke einsammeln. Auch jene, die nachts, durch die Ruhr getrieben, raus mussten und in einen Graben gefallen und ertrunken waren." Im Frühjahr 1941 wurde die Familie Niedermann mit anderen Internierten in das Lager Rivesaltes bei Perpignan gebracht. Das Lager war ein ehemaliges Militärlager, "aber die Franzosen hatten ja keine Armee mehr; Stacheldraht herum und Wachen aufgestellt und fertig war das KZ", beschreibt Niedermann die Einrichtung des Lagers etwas sarkastisch.

Vier Frauen vom jüdischen Kinderhilfswerk (OSE), die in das Lager eingeschleust wurden, retteten Paul Niedermann und seinen Bruder aus dem Lager. Die Entscheidung für die Eltern, die Kinder herzugeben, war schwer. Doch es blieb keine andere Wahl. "Nie werde ich die Augen meiner Mutter beim Abschied vergessen", schilderte Niedermann sehr eindrücklich.

Die beiden Brüder kamen in ein Auffangheim bei Montpellier. Hier trennten sich ihre Wege. Sein Bruder ging mit einem Transport in die USA. Sie sollten sich erst nach 15 Jahren wieder sehen. Seine Eltern sah er nie wieder. Sie wurden in Auschwitz ermordet. Nach einigen Zwischenstationen landete Paul Niedermann im Kinderheim Izieu, welches später von "Barbie", dem Schlächter von Lyon, ausgehoben wurde. Ständig auf der Flucht, erreichte er nach vielen anderen Verstecken schließlich die Schweiz. Hier erlebte er das Ende des Krieges.

Da die jüdische Organisation OSE ihm das Leben gerettet hatte, fühlte er sich ihr verpflichtet und arbeitete unmittelbar nach Kriegsende in Kinderheimen als Erzieher in Paris. Durch den Barbieprozess, bei dem er als Überlebender des Kinderheims Izieu aussagte, wurde er mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Hieraus entstand der Gedanke, als Augenzeuge mit einer moralischen Verpflichtung das Erlebte an die jüngere Generation weiterzugeben.

  

"Ich komme nicht mit Rachegefühlen nach Deutschland", meint Paul Niedermann auf eine Frage, die er in der anschließenden Diskussion beantwortet. Als Kind verbrachte er regelmäßig die Sommerferien in Sindolsheim im Bauland bei seinen Großeltern. Hier hat er noch Freunde, die er bei Aufenthalten in der näheren Umgebung gerne besucht.

Auf die Frage „Was empfinden Sie, wenn Sie über Ihre Erfahrungen sprechen?“, antwortete Paul Niedermann: „Ich habe lange Jahre darüber nichts gesagt, auch nicht in meiner Familie. Ich hatte einfach nicht die Worte dafür. Im Barbie-Prozess in den späten 1980ern, wo ich als Zeitzeuge ausgesagt habe, sprach ich zum ersten Mal über meine Erinnerungen. Es hat lange gedauert, bis ich nachts keine Albträume mehr hatte. Jetzt finde ich, sollten wir in der Lage sein, das Geschehene von einer höheren Warte aus zu betrachten.“

Auch auf den Aspekt „Wie sollen Jugendliche mit der Vergangenheit umgehen?“, ging Herr Niedermann ein. Er sagte: „Man kann der jungen Generation keinen Vorwurf mehr über die Taten ihrer Großväter machen. Aber man darf auch nicht vergessen. Deshalb heißt mein Motto gegenüber der Jugend immer: ‚Jetzt seid ihr dran!’ Statt sie zu belasten, sollte allen klar sein, dass nur sie künftig Schlechtes verhindern können.“

Schüler und Lehrer gingen mit einem beeindruckenden Bericht des Zeitzeugen nach Hause und werden diesen hoffentlich an ihre Familien, Freunde und Bekannte weitergeben.

Nach der Veranstaltung besichtigte Herr Niedermann noch die von der Feudenheim-Realschule organisierte Ausstellung „Leben und Deportation der Feudenheimer Juden“ in der Stadtbibliothek Feudenheim. Ein Besuch an der Gedenkstätte der alten jüdischen Synagoge in der Neckarstraße rundete das Programm ab. Paul Niedermann fuhr von Mannheim weiter nach Karlsruhe, wo er ebenfalls vor Schüler sprach und vom Karlsruher Bürgermeister Ullrich Eidenmüller empfangen wurde.